Stimmen

Aus dem Off.

„Stimmen Aus dem Off.”  ist seit dem 12.04.2024 im Berliner Stadtraum erlebbar.

In der Berliner Innenstadt sind dreizehn Tape-Silhouetten zu entdecken, die jeweils eine Geschichte erzählen. Sie dienen als farbliche Markierung für die Orte, an denen die Gäste der Bahnhofsmission Situationen erlebt haben, in denen die Auswirkungen mangelnder digitaler Teilhabe besonders spürbar wurden.

Die Intervention zielt darauf ab, eine Begegnung zwischen Passant:innen und den individuellen Erzählungen der Gäste zu ermöglichen. 

Auf der Karte sind die Standorte der dreizehn Silhouetten verzeichnet.

Die Erfahrungsberichte können vor Ort über die QR-Codes als Audio-Dateien und Texten erlebt werden.

Hier finden Sie die Karte mit den Standorten der Silhouetten:

Scrollen Sie weiter, um alle Erfahrungsberichte anzuhören!

Da die Tape-Kunst wetterbedingt nicht von Dauer sein wird, sind die Erfahrungsberichte ebenfalls hier zugänglich.


Hier finden Sie auch die transkribierten Versionen der Audio-Dateien!

Silhouette 01

Mauerpark

Bernauerstraße 63, 13355 Berlin

Detlef

„Ich heiße Detlef, bin 63 Jahre alt, lebe seit ca. 12 Jahren jetzt auf der Straße und möchte erzählen von einer Situation, die wir letztes Jahr gehabt haben. 

Und zwar hat ein Bekannter von mir einen Zuckerschock gehabt und wir mussten Notarzt rufen. Und wir haben also selber zwar ein Handy gehabt, aber da keine Sim-Karte da drin war, konnten wir kein Notruf wählen. Und wir haben versucht, Jogger anzuhalten, dass die Notruf absetzen, dass ein Krankenwagen kommt. 

Sechs, sieben Jogger sind vorbeigelaufen, haben kein Handy, obwohl sie Kopfhörer in den Ohren haben und all so was oder haben gar nicht reagiert, obwohl sie gesehen haben, dass da einer liegt, der in Not ist. Und bis dann endlich wirklich einer angehalten hat, der auf dem Weg zur Arbeit war und dann wirklich doch einen Notruf gewählt hat und auch so lange geblieben ist, bis der Krankenwagen da war. 


Und nachdem ich dann also mit der Krankenwagen Besatzung gesprochen habe, da haben die gesagt: „Ja, so ist Berlin”. So schlimm es sich anhört, es ist wirklich so. Wenn jemand auf der Straße lebt und der hat einen Notfall, braucht Krankenwagen, Polizei oder sonst irgendetwas, es ist für ihn unheimlich schwer, wenn er kein funktionstüchtiges Handy hat oder zumindest keins wo eine SIM-Karte drin ist, da braucht kein Guthaben drauf sein, aber es muss eine Karte drin sein, irgendwie Notruf abzusetzen, das ist gar nicht möglich. 

Das heißt der kann da verbluten oder sonst irgendetwas, es ist nicht möglich, einen Krankenwagen zu rufen.”

Silhouette 02

Tauentzienstraße 21-24, 10789 Berlin

Detlef

„Ich heiße Detlef, bin 63 Jahre alt, lebe seit ca. 12 Jahren jetzt auf der Straße und möchte erzählen von einer Situation, die wir letztes Jahr gehabt haben. 

Bei den Handys heutzutage wird immer viel von digitaler Teilhabe gesprochen. Auch Obdachlose sind darauf angewiesen. Gerade wenn sie irgendwelche Sachen bei Ämtern klären müssen. Oft ist es so, man muss sich über das Internet anmelden und all sowas. Das ist nur an bestimmten Stellen möglich. Wie z.B. der Bahnhofsmission, dann hat sich es aber bald schon. Und die öffentlichen Netze in Berlin, die kann man an einer Hand abzählen. 

Also da wird wohl auch großartig demnächst nichts geändert. Das ist in anderen Städten anders, muss man ganz wirklich sagen. In anderen Städten ist es so, dass man zumindest im Bereich der Innenstadt von einem Knotenpunkt zum anderen automatisch weitergeleitet wird. 

Das heißt, man braucht sich nirgendwo neu einwählen. Man hat immer ein freies WLAN-Netz. Man braucht kein eigenes Datenvolumen verbrauchen, was viele Obdachlose sowieso auf ihrem Handy oft nicht haben. Weil sie das Geld dafür nicht haben. Und das sind eigentlich Sachen, die ich sehr schade finde.”

Silhouette 03

Hauptbahnhof

Washingtonplatz, 10557 Berlin

Johnny

„My name is Jonathan, I'm 41 years old and I've been recently homeless for five months now after having been previously homeless for almost two and a half years, about three years ago roughly.

If you want to use certain services like the city for that and stuff like this or if you want to use Google Maps to find out...you know, there's a lot of information about places which provide assistance, social assistance, but if you don't know how to get there, especially if you're new in Berlin...I met someone a few days ago, a guy named Barry from Guinea, and he was wandering around Hauptbahnhof.   

He didn't have a phone, he's a refugee, he's homeless and he had a paper with an address on it that he had to report there, but he had absolutely no idea how to get there. You know like...so it makes that person feel totally helpless.It's like you give me food, but you don't give me a plate, um, a knife, sorry, or a fork.”

Übersetzung

„Mein Name ist Jonathan, ich bin 41 Jahre alt und ich bin seit fünf Monaten obdachlos, nachdem ich zuvor fast zweieinhalb Jahre lang obdachlos war, etwa vor ungefähr drei Jahren.

Wenn du bestimmte Dienste nutzen möchtest, wie zum Beispiel von der Stadt und so weiter, oder wenn du Google Maps verwenden möchtest, um herauszufinden... weißt du, es gibt viele Informationen über Orte, die Unterstützung bieten, soziale Unterstützung, aber wenn du nicht weißt, wie du dorthin kommst, besonders wenn du neu in Berlin bist... Ich habe vor ein paar Tagen jemanden getroffen, einen Mann namens Barry aus Guinea, und er irrte am Hauptbahnhof herum.

Er hatte kein Telefon, er ist ein Flüchtling, er ist obdachlos und er hatte einen Zettel mit einer Adresse darauf, zu der er sich melden musste, aber er hatte absolut keine Ahnung, wie er dorthin kommen sollte. Weißt du, es ist wie... das lässt die Person sich total hilflos fühlen. Es ist wie, wenn du mir Essen gibst, aber du gibst mir keinen Teller, äh, ein Messer, Entschuldigung, oder eine Gabel.”

Silhouette 04

Ecke Lehrterstraße, 10557 Berlin

Johnny

„At the moment, I'm staying at a homeless shelter at Lehrter Straße. One of the most asked questions every day: Okay, first, „Do you have tobacco?", but it's also like „What day is it?". Because the system, the way it is, while I am grateful to have a bed and warm food to eat every day, the system is, in my opinion, designed as a little bit, kind of institutionalizes someone. 

You don't know if it's Monday or Thursday or Sunday. You feel cut off from the world. But if you have a phone, you can at least catch up on some news, what's happening. You don't feel that isolation. Also, because we spend so much of the day, 12 hours, outside, if it's cold, you're sitting in a train station, or, you know, personally I like listening to podcasts or watching videos, so at least a couple of hours go by, rather than just sitting there, maybe having a beer and a sandwich, and then another beer, and then falling asleep.

And again, you feel further and further cut off from the rest of society. and you don't know what's happening. Again: What day is it? What's the weather today? You know, because you can't open a weather app and check. How do I get to the Tagestreff? How do I go to the doctor, the dentist? I have a dog: How do I go to the free vet?”

Übersetzung

„Im Moment wohne ich in einem Obdachlosenheim in der Lehrter Straße. Eine der am häufigsten gestellten Fragen jeden Tag: Okay, erstens, „Hast du Tabak?”, aber es ist auch so etwas wie „Welcher Tag ist heute?”. Denn das System, so wie es ist, während ich dankbar bin, jeden Tag ein Bett und warmes Essen zu haben, ist das System meiner Meinung nach ein wenig so gestaltet, dass es jemanden irgendwie institutionalisiert.

Du weißt nicht, ob es Montag oder Donnerstag oder Sonntag ist. Du fühlst dich von der Welt abgeschnitten. Aber wenn du ein Telefon hast, kannst du zumindest einige Neuigkeiten erfahren, was passiert. Du fühlst dich nicht so isoliert. Außerdem verbringen wir so viel Zeit draußen, 12 Stunden, wenn es kalt ist, sitzt du in einer Bahnhofsstation, oder, weißt du, persönlich höre ich gerne Podcasts oder schaue Videos, so gehen zumindest ein paar Stunden schneller vorbei, anstatt nur dort zu sitzen, vielleicht ein Bier zu trinken und ein Sandwich zu essen und dann noch ein weiteres Bier zu trinken und dann einzuschlafen.

Und wie gesagt, du fühlst dich immer weiter von der restlichen Gesellschaft abgeschnitten und weißt nicht, was passiert. Wieder: Welcher Tag ist heute? Wie ist das Wetter heute? Weil du keine Wetter-App öffnen und nachsehen kannst. Wie komme ich zum Tagestreff? Wie gehe ich zum Arzt, zum Zahnarzt? Ich habe einen Hund: Wie komme ich zum kostenfreien Tierarzt?”

Silhouette 05

Rathausvorplatz Spandau, 13597 Berlin

Landrin

„Ich bin Landrin und schon 52. Ich bin jetzt schon ein Jahr schon obdachlos und habe mit dem Handy viele gute und schlechte Erfahrungen gehabt.

Für mich persönlich mag ich immer, dass man Handy benutzt, weil Handy ist immer wichtig, also für mich.

Ich persönlich habe Probleme auf meiner Arbeit gehabt, konnte nicht früher zur Arbeit kommen, und wenn ich aber nicht früher komme, dann ist die Tür geschlossen und ich komme nicht rein. Aber wegen Handy konnte ich schnell kontaktieren und sagen, dass ich nicht kommen kann. Und dann haben sie aufgepasst, dass ich später komme und sie mir die Tür aufmachen können.

Handys werden sehr schnell geklaut und dann habe ich gemerkt, dass mir jemand was gesagt hat und dadurch abgelenkt, und in dieser Zeit habe ich das Handy vergessen und dann ist es verloren gegangen.”

Silhouette 06

City Toilette am Ostkreuz

Sonntagstraße 37, 10245 Berlin

Lamin

„Also ein wichtiger Aspekt wäre, dass man zusieht, dass auch Leute, die in die Obdachlosigkeit geraten sind, trotzdem Zugang zu den Stellen bekommen, zu den Sanitär-Stellen bekommen. 

Die neuen City-Toiletten sind für Männer hinten, ist super, kann man so hin, also zum Urinieren kann man so hin. Aber wer hier auf Toilette muss, braucht eine Bankkarte oder ein anderes technisches Gerät, ansonsten kann er nicht mehr mit 50 Cent auf Klo und da bräuchte man dann eine Lösung, dass wenigstens alle Menschen vernünftig ihr Geschäft verrichten können.”

Silhouette 07

Nauenerplatz, 13347 Berlin

Matze

„Hier ist der Matze. Ich war mal am Nauener Platz und dann hatte ich kein Handy dabei, weil das wegkam und hab ne Adresse gesucht, ein Cafe. Auch so etwas Ähnliches wie hier die Bahnhofsmission, und hatte die Adresse bekommen, und dann hab ich´s nicht gefunden, weil ich mein Handy nicht hatte und kein Google Maps hatte.

Und dann war ich aufgeschmissen und dann musste ich mir erst wieder ein Handy besorgen.”


Silhouette 08

Nollendorfplatz, 10777 Berlin

Maik

„Ich bin Maik, bin 52 Jahre alt. Komme eigentlich gebürtig aus Gifhorn. Und bin irgendwann hier nach Berlin gewandert.

Folgendes: Ich war ja in Wien, da hatte ich auch ein Handy gehabt, aber dann wurde mir alles geklaut. Da konnte ich keinen anrufen. Da konnte ich meine beste Freundin nicht mehr schreiben und die hat sich nämlich auch Sorgen gemacht: ‘Man, was ist denn mit Maik los, der meldet sich ja nicht mehr‘.

Die haben sich schon Sorgen gemacht, und dann hab ich sie von hier angerufen und hab gesagt: ‘Nikole tut mir leid, ich kann dir zurzeit nicht per WhatsApp schreiben oder anrufen, weil mein Handy wurde gestohlen‘.

Genau, und da waren auch wichtige Daten drin, wie mein Rentenbescheid als Foto und von meiner Katze, die Fotos waren drauf, ja alles weg und dann bist du ja gezwungen, irgendwo ins Internetcafé zu gehen, ne.

Und Internetcafé, also hier hab ich bisher noch kein Internetcafé gefunden, weil eine Sache, die mir einfällt: Ich bin ja in das Obdachlosenwohnheim und hab gefragt ‘Wo gibt es denn hier ein Internetcafé?‘ Ach, da gehst du hier runter und dann gehst du dahin, dann hab ich zu ihr gesagt ‘ne gibts nicht mehr‘,  da war mal ein Internetcafé, aber es ist Schluss.”

Silhouette 09

Alexanderplatz, 10178 Berlin

Anonym

„Also ich denke, dass es sehr, sehr wichtig ist, dass Obdachlose, besonders wenn sie nachts alleine auf der Straße sind, dass es gut wäre, wenn die Obdachlosen ein Telefon hätten oder ein Handy… Billighandy oder so was Ähnliches.

Es passieren nämlich ab und zu Überfälle, gerade hier.

Und wenn die dann kein Handy haben, das natürlich richtig gefährlich, wenn die abends allein unterwegs sind. Ich denke es wäre toll, wenn die Obdachlosen Handys hätten, mit denen sie telefonieren könnten, besonders in der Nacht und auch schon alleine für Notfälle."


Silhouette 10

Bürgeramt Rathaus Mitte

Karl-Marx-Allee 31, 10178 Berlin

Bela Racz

„You can get any Phone, you know what i mean? But the thing is, you must have traceable documents to get a SIM card. Like you must be registered, you must show proof, just like in the regular places.

You know, it's difficult. Yeah, you must show proof. You must be registered. You must have a bank account. You must have an ID. You must be perfect. 

Yes, you can have a  thousand euro phone. But if you don't have a SIM-Card  you can take the thousand euro phone and throw it away. 

But still, if I had my phone stolen that would still be a big issue. I would lose my information and everything. This would be a big Problem.”

Übersetzung

“Klar, du kannst jedes Handy bekommen, verstehst du? Aber das Ding ist, du musst nachverfolgbare Dokumente haben, um eine SIM-Karte zu bekommen. Du musst registriert sein, du musst einen Nachweis erbringen, genau wie an den regulären Orten.

Es ist schwierig, weißt du. Ja, du musst einen Nachweis erbringen. Du musst registriert sein. Du musst ein Bankkonto haben. Du musst einen Ausweis haben. Du musst perfekt sein.

Ja, du kannst ein tausend Euro teures Handy haben. Aber wenn du keine SIM-Karte hast, kannst du das tausend Euro teure Handy nehmen und wegwerfen.

Aber trotzdem, wenn mein Handy gestohlen würde, wäre das immer noch ein großes Problem. Ich würde meine Informationen und alles verlieren. Das wäre ein großes Problem."

Silhouette 11

Karl-Marx-Straße 15, 12043 Berlin

Nina

„Also, Handy hat man meistens aus und fragt sich durch.

Also, ich habe das Handy meistens aus. Ich habe Angst, dass man mich immer andauernd beklaut, und es gab mal eine Zeit, wo ich einmal im Monat ein Handy kaufen, also neu kaufen musste."


Silhouette 12

Bahnsteig S-Rathaus Steglitz, 12165 Berlin

Ralph

„Ja, ich find das 49-Euro-Ticket eigentlich ne gute Sache, aber was willst du machen, wenn du eigentlich ein Handy hast, aber dir der ganze Rest geklaut wurde und du dir auch nicht mal ein neues Ladekabel, kannst du dir nicht mal leisten und dann?

Was machst du dann? Was machst du, wenn das Handy leer ist? Es nirgendwo öffentliche Steckdosen gibt und du nicht laden kannst, weil du kein Ladekabel hast? 

Und dann kommt der Kontrolleur, und dann wirst du dafür verantwortlich gemacht und musst Strafe zahlen. Naja, von dem Geld hätte ich mir wirklich ein neues Ladekabel kaufen können, so ist es.” 


Silhouette 13

Hardenbergstraße 22-24, 10623 Berlin

Herr Meier

„Ich darf nicht mal alleine zur Notunterkunft gehen. Der Wärmebus muss mich bringen. Die schauen für mich nach wo ich schlafen kann, da ich kein Handy habe…

Ich darf nicht alleine weg. Ich habe mich schon so oft verlaufen und die Unterkunft nicht gefunden. Wenn ich kein Handy habe, kann ich den Bus nicht anrufen und verlaufe mich wieder.”